von Elsbeth Bösl
Große deutsche Medien wie DER SPIEGEL, Die Zeit und die Süddeutsche Zeitung berichteten vor wenigen Wochen ausführlich über die Digitalisierung der NSDAP-Mitgliederkartei. Sie lenkten die Aufmerksamkeit der breiten Öffentlichkeit auf einen historischen Quellenbestand, den Historiker:innen schon lange kennen und nutzen. Die Rede ist von den nun von den National Archives and Records Administration (NARA) in den USA offen zugänglich gemachten Quellenbeständen des sogenannten Berlin Document Center. Im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses steht die Mitgliederkartei der NSDAP. Für historisch-biografische Recherchen sind diese Quellen wertvoll, etwa um individuelle Lebenswege und die Verstrickung in das NS-Regime nachzuvollziehen, aber auch um Netzwerke sichtbar zu machen. Auf den Sozialen Medien trendet das Thema v.a. unter der Überschrift „War Opa ein Nazi?“, auf Reddit und YouTube gibt es How-to-Anleitungen und die Kommentarspalten sind voll von Usern, die erzählen, was sie gefunden haben, und wie sie nun damit umgehen.
Wir greifen diese öffentliche Diskussion auf und berichten Euch im Folgenden aus unseren Erfahrungen mit der NSDAP-Mitgliederkartei.
Bisher haben wir für unsere historisch-biografischen Recherchen immer Anfragen an das Bundesarchiv in Berlin-Lichterfelde gestellt, das die Kartei im Original aufbewahrt. Da die Anfragen aber sehr langwierig sind, haben wir uns nicht bei allen in Frage kommenden Frauen an das Bundesarchiv gewandt. Als die Kartei online frei zugänglich ist wurde, haben wir die Gelegenheit sofort genutzt, um die neue Ressource auszuprobieren und weitere Daten über die Archäologinnen zu erheben.
Was sind das für Quellen und wo kommen sie her?
Die in der Parteizentrale der NSDAP in München aufbewahrte Mitgliederkartei blieb beim Zusammenbruch des Regimes erhalten, weil die mit der Vernichtung beauftragte Papiermühle sie bei Kriegsende nicht sofort vernichtete. Die amerikanische Armee nahm diese Kartei an sich und integrierte sie in das „Berlin Document Center“ (BDC). Dafür wurde die Gaukartei alphabetisch geordnet und der Partei-Zentralkartei angeschlossen, sodass man keine Suche mehr nach Regionen oder Orten vornehmen kann, sondern nur noch nach Personen.
Das BDC wurde in einem politisch durchaus kontroversen Prozess 1994 dem Bundesarchiv übergeben (zur Geschichte des BDC Krüger 1997). Dort wurden die Teilbestände umsigniert. Jetzt heißen dort die beiden Mitgliederkarteien R 9361 VIII KARTEI (Personenbezogene Unterlagen der NSDAP.- Mitgliederkartei.- Zentralkartei) und R 9361 IX KARTEI (Personenbezogene Unterlagen der NSDAP.- Mitgliederkartei.- Gaukartei). Die Zentralkartei hat ca. 4,3 Millionen Einträge und die Ortsgruppenkartei ca. 6,6 Millionen Karten.
Zum Bestand des ehemaligen BDC gehören außerdem die Bestände R 9361 I (Personenbezogene Unterlagen der NSDAP), R 9361 II (Personenbezogene Unterlagen der NSDAP/Parteikorrespondenz), R 9361 III (Personenbezogene Unterlagen der SS und SA), R 9361 IV (Personenbezogene Unterlagen der Einwandererzentralstelle/EWZ), R 9361 V (Personenbezogene Unterlagen der Reichskulturkammer/RKK) und R 9361 VI (Personenbezogene Unterlagen von Gliederungen der NSDAP und angeschlossenen Verbänden). All das sind enorm wertvolle Quellen für die historische Forschung. Die Originale wurden inzwischen vom Bundesarchiv einzeln digitalisiert. Noch nicht digitalisiert sind allerdings die Unterlagen des Bestandes R 9361 VII, der v.a. die Aufnahmeanträge zur NSDAP enthält. Daneben mussten auch personenbezogene Akten aus der Zeit des Nationalsozialismus gesichtet und umsigniert werden, die aus der Überlieferung des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR stammten. Der Bestand „Personenbezogenen Unterlagen aus der NS-Zeit“ des Bundesarchivs ist also sehr komplex.
Das Bundearchiv gibt auf seiner Website aktuell und ausführlich Auskunft über die umfangreichen Erschließungsarbeiten an den Beständen des BDC, mit denen Ordnung in die Massendaten.

Wie benutzt man die Kartei beim Bundesarchiv in Berlin-Lichterfelde? Bisher und in Zukunft?
Bisher war für eine Recherche in der NSDAP-Mitgliedskartei eine Anfrage an das Bundesarchiv Berlin nötig. Diese Möglichkeit besteht auch weiterhin. Der Vorgang ist in der Regel kostenfrei und unkompliziert, doch die Auskunft kann oft erst nach Monaten erteilt werden. Das Ergebnis erhält man in digitaler Form und in Verbindung mit Recherchetipps und Hinweisen auf weitere möglicherweise relevante Quellenbestände wie z.B. die Mitgliederkarteien der NS-Frauenschaft, der SA und SS.
In den letzten Jahren hat das Bundesarchiv die Karteikarten aus dem BDC einzeln hochauflösend digitalisiert. Aus Gründen des deutschen Archivrechts und des Datenschutzes ist aber keine direkte Recherche für Privatpersonen möglich, sondern ein Rechercheantrag weiterhin vonnöten. Wenn die gesetzlichen Schutzfristen einmal abgelaufen sind, soll die Kartei der Öffentlichkeit direkt zur Verfügung stehen. Das ist 100 Jahre nach der Geburt oder zehn Jahre nach dem Tod einer Person der Fall. Da man das nicht für jeden einzelnen Eintrag prüfen kann, wird derzeit noch einige Jahre abgewartet.
Schon jetzt können aber die Rechercheanträge viel schneller bearbeitet werden als bisher. Es ist auch komfortabler für das Personal, in einzelnen Digitalisaten zu recherchieren als in den Originalen oder den digitalen Abzügen der Mikrofilme, die vor Jahrzehnten angefertigt worden waren. Das Ergebniseiner Anfrage erhält man i.d.R. kostenlos und in digitaler Form. Bei dieser Gelegenheit kann man auch gleich die Frage der Weiterverwendung klären, falls man eine Veröffentlichung plant. Der große Vorteil einer Anfrage beim Bundesarchiv ist, dass damit immer auch eine archivarische Beratung einhergeht. Da man im Antrag das eigene wissenschaftliche Anliegen umreißt und die Fragestellung erklärt, geben die Archivar:innen in ihrer Antwort konkrete weitere Recherchetipps und verweisen auf andere Bestände, die relevant sein könnten.
Was ist das Neue an dem Angebot der National Archives?
Seit dem 20. März 2026 sind auf dem Portal der US-amerikanischen National Archives (NARA) die Digitalisate der Mitgliedskartei der NSDAP und der Ortsgruppenkartei im Netz verfügbar – und zwar in Form von Digitalisaten älterer Mikrofilme, aufgeteilt in die Bestände Zentralkartei (A3340-MFKL) und Ortsgruppenkartei (A3340-MFOK). Der Bestand heißt „Records Relating to Membership in the Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP)”.
Nutzt man nun diese Digitalisate aus den USA, geht alles leichter, günstiger und vor allem überall und jederzeit. Antrag oder Anmeldung ist bei NARA nicht nötig. Das erlaubt es, gezielt nach Namen zu suchen und Einsicht in die Akten zu nehmen – und zwar gleichgültig, ob die Recherche einen wissenschaftlichen, öffentlichen, journalistischen oder rein privaten Hintergrund hat. Die frei zugängliche Digitalisierung spart nun Zeit, senkt Hürden und erleichtert die Auswertung großer Datenmengen. Das Interesse der Öffentlichkeit an den Digitalisaten des US-Nationalarchiv ist erwartungsgemäß riesig. Innerhalb weniger Wochen wurden eineinhalb Million Zugriffe verzeichnet. Das Recherchesystem war zeitweise völlig überlastet. Die Online-Suche funktioniert inzwischen zwar stabil, aber mitunter sind die Digitalisate dann nicht aufrufbar, weil die Server noch keine ausreichenden Kapazitäten haben.
Bei der Recherche ist man auf sich allein gestellt. Es gibt keine Beratung und keine Tipps. Wer mehr will, als nur einen bestimmten Namen finden, sollte nicht nur in der Kartei, sondern über die allgemeine Rechercheseite von NARA suchen, denn auch bei NARA gibt es ja Digitalisate der anderen BDC-Quellen sowie weiterer digitalisierter Bestände der US-Besatzungsverwaltung, die ganz erhebliche Bedeutung für die historisch-biografische Forschung haben. Die gesuchten Personen tauchen vielleicht gar nicht in der Mitgliederkartei auf, dafür aber eventuell in den vielen anderen digitalisierten Quellenbeständen zum Nationalsozialismus und Zweiten Weltkrieg, die NARA anbietet. Um damit umgehen zu können, braucht man schon etwas mehr methodische Kenntnisse.

Was muss man konkret tun?
Die Suche in den NARA-Digitalisaten erfordert Geduld, da die Dokumente aufgrund der enormen Masse von über 12,7 Millionen Digitalisaten nicht als Volltext durchsuchbar sind, sondern die Ordnung der Papierkartei in den Mikrofilmen abgebildet wurde. Einzelne Karten sind in regelmäßigen Abständen indexiert, sodass die Suchanwendung zu dem passenden Abschnitt springt, den man dann selbst durchsuchen kann. Man kann also in dieser Suchmaske Namen und Geburtsdatum suchen. Die Suche führt dann zu einem Gesamtdokument, das mehrere Tausend Seiten umfassen kann. Hier muss man sich bei häufig vorkommenden Namen manchmal lange durchklicken. Es ist aber möglich, die ca. 3.000 Digitalisate jeweils eines Mikrofilms in einer Datei herunterzuladen, sodass man nicht online sein muss, um zu suchen.
Die Wochenzeitung Die Zeit hat für ihre Abonnentin:en den kompletten Datensatz von NARA heruntergeladen, aufbereitet und statistisch ausgewertet und ein verbessertes Recherchetool entwickelt, das die Suche komfortabler gestalten soll. Wir konnten das nicht ausprobieren.
Auch von DER SPIEGEL gibt es inzwischen ein entsprechendes Tool hinter der Paywall. Suchtipps und Anleitungen finden sich zudem inzwischen auf Reddit, Youtube sowie beim Verein für Computergenealogie.
Was steht überhaupt auf den Karteikarten?
Die Digitalisate der Mitgliederkartei beinhalten in der Regel den Namen und Vornamen, das Geburtsdatum und oft den Geburtsort, manchmal den Beruf, die Wohnadresse bei der Aufnahme in die Partei, die Mitgliedsnummer sowie die Daten des Aufnahmeantrags, des Eintritt und eventuell des Ausschlusses oder des Todes. Mitunter befinden sich auch Porträtfotos auf den Karten. Auch die seltenen Fälle von Parteiaustritten wurden vermerkt.
Nicht mit dabei sind die Aufnahmeanträge, die überdies nur lückenhaft erhalten sind. Auch für die 1937 eingeführten Fragebögen als Anlage zum Aufnahmeantrag, die für biografische Recherchen besonders wichtig wären, gilt dasselbe. Von ihnen sind nur sehr wenige erhalten geblieben und in einem gesonderten Bestand überliefert.
Welche Einschränkungen sind zu bedenken?
Am Ende des Zweiten Weltkriegs zählte die Partei rund 8,5 Millionen Mitglieder. Jede/r fünfte Erwachsene war zu einem Zeitpunkt Mitglied der NSDAP. Erhalten sind jedoch nur ca. 80% der Kartei. Findet man jemanden also nicht, muss das nicht bedeuten, dass die Person wirklich nicht in der NSDAP war. Es kann sich um einen Quellenverlust handeln – oder die Karte wurde einfach nicht am durchsuchten Ort einsortiert.
Was sagt ein Fund oder Nicht-Fund in der Kartei über die historischen Personen aus?
Ist die Mitgliedschaft ein eindeutiger Beweis für echte ideologische Überzeugung? Sie beweist, dass jemand das NS-Regime unterstützte oder zumindest guthieß. Wer der NSDAP vor 1933 beitrat, darf definitiv als frühe/r Unterstützer/in der Partei und ihrer Ideologie eingeordnet werden.
Bei Eintritten nach der Machtübernahme 1933 muss man neben Überzeugung auch Opportunismus als Eintrittsgrund in Betracht ziehen (Weigel 2009). Aus Karrieregründen traten viele der Partei bei, um beruflich und gesellschaftlich davon zu profitierten. Das ist aber keine Entlastung, denn es impliziert ja eine formale Loyalitätsbekundung und ein Arrangement mit dem Regime. Es ist eine inzwischen mehrfach widerlegte Legende, dass man ohne eigenes Wissen oder aus Versehen Parteimitglied werden konnte (Buddrus 2003). Der Parteieintritt wurde auch nicht erzwungen, sondern im Gegenteil wurden die Anträge noch bis zuletzt genauestens geprüft. Zwischen 1933 und 1937 gab es Aufnahmestopps mit nur sehr wenigen Ausnaheregelungen. Wer der NSDAP nicht beitreten wollte, musste es nicht tun. Es drohten keine direkten Sanktionen und schon gar nicht eine Gefahr für Leib und Leben. Allerdings waren dann bei akademischen Berufen und Angehörigen der Behörden oft Karriereeinbußen zu erwarten. Personen in herausragenden Positionen machten sich auch verdächtig, wenn sie nicht beitraten.
Die formale Parteimitgliedschaft ist folglich weder ein hinreichender noch ein notwendiger Beleg für ideologische Überzeugung. Dennoch ist es höchstwahrscheinlich, dass ein NSDAP-Mitglied mit der Ideologie und der Politik des Nationalsozialismus mindestens einverstanden war.
Umgekehrt gilt: Wenn sich kein Eintrag in der Mitgliederkartei findet, bedeutet das keine Entlastung.
Erstens ist die Kartei nicht vollständig: Die Überlieferungslage verbietet es, aus einem fehlenden Eintrag auf politische Distanz oder gar Gegnerschaft zu schließen, denn die archivalische Evidenz ist fragmentarisch.
Zweitens kann es sein, dass man die Person nur einfach nicht in der Kartei gefunden hat. Fehler passieren.
Drittens ist die Parteimitgliedschaft oder Nichtmitgliedschaft lediglich ein formales Kriterium, das keinen unmittelbaren Rückschluss auf das individuelle Denken und Handeln der Person zulässt. Dieses erschließt sich erst aus konkreten biografischen Kontexten. Sehr viele, die nicht in der NSDAP waren, wirkten sehr aktiv im Regime mit. Viele Funktions- und Tätergruppen agierten verbrecherisch, ohne in der Partei zu sein – Verwaltung, Wehrmacht, Wissenschaft, Ärzte, Polizei etc. – und das NS-System funktionierte durch die breite gesellschaftliche Beteiligung, nicht nur durch die Loyalität der Parteimitglieder. Millionen Deutsche beteiligten sich aktiv am System und seinen Verbrechen, ohne je in der Partei gewesen zu sein. Noch mehr Menschen profitierten bewusst und willentlich von diesem verbrecherischen System, ohne von der Ideologie in Allem zuzustimmen. Reduziert man die historisch-biografische Recherche also auf die Parteimitgliedschaft, verkennt man die Funktionsweise des NS-Regimes, das in hohem Maße auf die Mitwirkung auch nicht parteigebundener Akteur:innen angewiesen war. Ohne zur Partei zu gehören, waren viele Menschen Teile der Funktionselite des NS-Staates und an dessen Verbrechen unmittelbar beteiligt, u.a. in der Verwaltung, in den Gerichten, im Militär, in den Universitäten und Schulen, in der Industrie und an vielen anderen Posten und Funktionen (Herbert 2004).
Es ist wichtig zu bedenken, dass es ja nicht nur die Partei gab, sondern auch ihre angeschlossenen Verbände und all die anderen gleichgeschalteten Organisationen. Unzählige Deutsche waren Mitglieder in der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt, der NS-Frauenschaft und im Nationalsozialistischen Kraftfahrerkorps. Allein die Deutsche Arbeitsfront, die 1933 nach dem Verbot der Gewerkschaften gegründete Einheitsorganisation von Arbeitnehmer:innen und Arbeitgeber:innen, hatte rund 25 Millionen Mitglieder, da Arbeiter:innen und Angestellte Mitglied werden mussten. Ein Großteil der Bevölkerung war bald in mehr als einer Organisation erfasst. Manche waren bereit, durch den Eintritt in eine dieser Organisationen ihre politische „Zuverlässigkeit“ zu beweisen, um der NSDAP-Mitgliedschaft zu entgehen. Für bestimmte Berufe war die Mitgliedschaft vorgeschrieben. So mussten Lehrkräfte zwingend im NS-Lehrerbund und Beamte im Reichsbund der deutschen Beamten sein – Ausnahmen gab es nur wenige. Wer als Künstler:in, Journalist:in, oder in der NS-Sprache als „Kulturschaffende/r“ arbeiten wollte, musste Mitglied in der Reichskulturkammer sein. Natürlich war die Aufnahme mit dem sogenannten „Ariernachweis“ verbunden.
Verpflichtend für Kinder und Jugendliche war ab 1939 die Hitlerjugend bzw. der BDM, als eine „Jugenddienstpflicht“ eingeführt wurde. Die angestrebte totale Erfassung wurde aber nie verwirklicht. Gerade in ländlichen, abgelegenen und katholisch geprägten Gegenden entgingen viele der Mitgliedschaft.
Insgesamt ist aber festzuhalten, dass es weniger auf das Parteibuch oder die formale Mitgliedschaft in einer Organisation ankam, als vielmehr darauf, wie aktiv jemand mitmachte. Also eignet sich weder der Nachweis der Mitgliedschaft noch der einer Nichtmitgliedschaft als verlässlicher Indikator für den Grad der ideologischen Nähe oder individuellen Schuld. Die Fixierung auf die NSDAP-Mitgliedschaft greift analytisch zu kurz, weil sie die Rolle nicht parteigebundener Täter:innen unterschätzt und zugleich den Aussagewert formaler Zugehörigkeit überschätzt.
Während ein fehlender Karteieintrag aufgrund der lückenhaften Überlieferung keine Entlastung darstellt, erlaubt auch die formal bestätigte Parteizugehörigkeit keine eindeutigen Rückschlüsse auf Motivation und Handlungspraxis. Entscheidend ist vielmehr die konkrete Einbindung der Person in die Herrschafts- und Gewaltstrukturen des NS-Regimes. Um das beurteilen zu können, sind viel umfangreichere Recherchen nötig als die Suche in den nun zugänglichen Digitalisaten.
Wir haben die NARA-Digitalisate genutzt: Beispiele aus dem Projekt AktArcha
Wir kannten den Quellenbestand des Berlin Document Center und haben bereits früher vom Bundesarchiv Auskunft erbeten und beispielsweise den Nachweis für die NSDAP-Mitgliedschaft der Prähistorikerin Gisela Asmus (1905-1981) erhalten.
Dank der nun zugänglichen NARA-Digitalisate konnten wir mit wenig Aufwand nach einer ganzen Reihe von Frauen suchen, die aufgrund ihres Geburtsjahrgangs möglicherweise in der NSDAP gewesen sein konnten.
Seit Langem wussten wir z.B., dass die Prähistorikerin Waldtraut Bohm (1890-1965) tief in der völkischen Ideologie verwurzelt war. Wir haben hier im Blog ausführlich über ihre ideologische Verstrickung in den Nationalsozialismus und ihre Tätigkeit berichtet. Bekannt war uns auch ihr Eintritt in die Partei am 1. April 1933. Das Digitalisat ihrer Karteikarte war einfach zu finden.

Sehr genau haben wir nach Liebetraut Rothert (1909-2005) gesucht. Über ihre Parteimitgliedschaft wurde immer wieder spekuliert, da sie einige Jahre lang für Hans Reinerth beim Reichsbund für Deutsche Vorgeschichte tätig war und zusammen mit Waltraut Bohm 1936 die sehr erfolgreiche und definitiv ideologische Ausstellung „Lebendige Vorzeit“ in Berlin mit erstellte. Über ihre Nähe zum Nationalsozialismus wird in der Forschung immer wieder diskutiert, doch gibt es, wie Henny Piezonka schon vor Jahren herausfand, keine Mitgliedskarte im Bestand des BDC (Piezonka 2009). Versuchsweise haben wir auch im NARA-Digitalisat nochmal gesucht, fanden aber nichts.
Hingegen trafen wir dort auf sehr viele andere Archäologinnen. Es ist keineswegs eine Überraschung, dass viele Frauen, die im Nationalsozialismus ein Studium absolvierten, der NSDAP beitraten. Anfang der 1930er Jahre war der Anteil der Parteimitglieder unter Studierenden im Vergleich zur Gesamtbevölkerung relativ hoch. Auch viele Studentinnen und Studenten, die nicht in der Partei selbst waren, engagierten sich stattdessen in NS-nahen Organisationen wie dem Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund. Die Parteimitgliedschaft wurde oft als karrierefördernd angesehen oder faktisch erwartet, wenn man eine akademische Laufbahn anstrebte. Es gab an den Universitäten keinen rein formalen Automatismus, aber einen klaren institutionellen Druck und Erwartungshorizont. Wie wir in der Kartei sahen, traten als Studentinnen der NSDAP Waldtraut Schrickel (1920-2009, NARA-Link ), Marlies Franken, später Strohmeyer-Franken (1915-?), Elisabeth Schlicht (1914-1989, NARA-Link), Elisabeth Heinsius (1917-2004, NARA-Link), Traude Autrum (1923 – 1945, NARA-Link) und Christa Seewald (1923-2007, NARA-Link) bei.

Zur Illustration werden hier Screenshots benutzt.

Noch vor dem Studium wurde als sehr junge Frau Gisela Freund (1920-2023, NARA-Link) Mitglied der NSDAP.
Bereits als berufstätige Archäologinnen wurden hingegen Emma Pressmar (1909-2000) und Gerda Merschberger (1909-1988, NARA-Link), Gudrun Loewe (1914-1994, NARA-Link) und Elly Krawczyk (1905-?, NARA-Link) Mitglieder der NSDAP.

Wir haben in den NARA-Digitalisaten auch Frauen nicht gefunden, von denen wir das auch nicht erwartet hatten. Das waren Frauen, die von sich selbst nach 1945 glaubhaft gesagt haben, dass sie nicht in die Partei eingetreten waren und deshalb Karriereeinbußen in Kauf genommen hatten: Hier sind vor allem die Prähistorikerin Gertrud Dorka (1893-1976) und die Klassische Archäologin Gerda Bruns (1905-1970) zu nennen.
Im Fall von Thea Elisabeth Haevernick (1899-1982) haben wir ebenfalls keinen Eintrag in der Mitgliedskartei gefunden. Das passt zu unserer bisherigen Einschätzung, dass sie dem NS ideologisch nicht nahe stand und auch nicht aus Karrieregründen einen Parteibeitritt unternahm. Sie sprach sich in privaten Briefen bereits 1939 gegen den Krieg und das damit verbundene Leid aus und bemühte sich nie um berufliche Positionen, die einen Parteieintritt verlangt hätten. Aber: Zumindest indirekt unterstützte sie aber durch ihre Tätigkeit das Regime und profitierte als Wissenschaftlerin von der Eroberungspolitik des Nationalsozialismus, als sie ab 1941 zunächst im besetzten Paris für die Römisch-Germanische Kommission und zwischen 1942 und 1943 am Landesamt für Vorgeschichte im besetzten Posen (Polen, heute Poznań) arbeitete: Ihre Tätigkeit war in dieser Form nur wegen der deutschen Aggressionspolitik möglich. Wie viele andere Prähistoriker:innen auch zog Thea Haevernick Vorteile aus Krieg und Eroberung, auch wenn sie dem Regime mindestens ambivalent gegenüberstand (Halle 2013).
Wie schon gesagt: Wir hätten für alle dieser Frauen auch Anfragen an das Bundesarchiv stellen können, und zum Teil haben wir das ja auch getan. Aber dank der NARA-Ressource konnten wir nun selbst völlig unkompliziert und schnell Ergebnisse erarbeiten. Wie geht es nun weiter? Eine Möglichkeit besteht nun zum Beispiel darin, bei Frauen, deren Parteimitgliedschaft bestätigt ist, nach Entnazifizierungsakten bei den jeweiligen Landesarchiven der einzelnen Bundesländer zu suchen. Die Unterlagen sind nach Spruchkammern geordnet, da die Verfahren in der Regel von der für den Wohnort der Person zuständigen Spruchkammer abgewickelt wurden. Das bedeutet, dass man den Wohnort in den Jahren um 1945 bis ca. 1951, v.a. 1946/47 kennen sollte. Einige Landesarchive bieten bereits eine digitale Suche in einem Großteil ihrer Akten an. Sehr weit kommt man z.B. in Nordrhein-Westfalen.
Unser Fazit
Die frei zugänglichen Digitalisate der NSDAP-Mitgliederkartei markieren zweifellos einen Einschnitt für die historisch-biografische Forschung. Quellen, die bislang nur mit erheblichem zeitlichem Aufwand über das Bundesarchiv zugänglich waren, können nun unmittelbar und ohne Antragstellung eingesehen werden. Das erleichtert das wissenschaftliche Arbeiten erheblich und senkt natürlich auch die Hürden für journalistische, genealogische und private Recherchen. Gerade für prosopographische und netzwerkorientierte Forschungen eröffnet die Digitalisierung große Möglichkeiten.
Gleichzeitig zeigt die öffentliche Debatte um „War Opa ein Nazi?“ auch die Grenzen und Risiken einer solchen digitalen Verfügbarkeit. Die Konzentration auf die formale Parteimitgliedschaft droht komplexe historische Zusammenhänge auf ein scheinbar eindeutiges Ja-oder-Nein-Kriterium zu reduzieren. Historische Verantwortung, ideologische Nähe und konkrete Beteiligung am NS-Regime lassen sich jedoch nicht allein aus einer Karteikarte ablesen. Die Quellen sind wertvoll – aber sie erklären keine Biografien von selbst. Dazu sind nicht nur viel mehr Quellen verschiedenster Art nötig, sondern auch methodische Geübtheit und geschichtswissenschaftliches Grundlagenwissen.
Hinzu kommt ein weiterer Aspekt, der bislang erstaunlich wenig diskutiert wird: Mit der Öffnung der NARA-Digitalisate werden täglich tausende personenbezogene Recherchen deutscher Nutzer:innen über Server einer US-Bundesbehörde abgewickelt. Jede Suche nach Familienangehörigen oder bekannten Persönlichkeiten erzeugt dabei digitale Spuren – von IP-Adressen über Suchbegriffe bis hin zu Nutzungsverhalten. Für wissenschaftliche Forschung mag ein solcher Zugriff auf internationale Archivportale selbstverständlich sein. Problematisch wird es jedoch, wenn aus punktuellen Fachrecherchen plötzlich ein massenhaftes öffentliches Suchverhalten wird, bei dem sensible historische Interessen- und Beziehungsmuster auf ausländischer Infrastruktur sichtbar werden. Dass die historische Aufarbeitung des Nationalsozialismus nun in erheblichem Umfang von der digitalen Infrastruktur und den Nutzungsbedingungen einer amerikanischen Behörde abhängt, sollte zumindest kritisch reflektiert werden – gerade in Deutschland, wo Datenschutz und informationelle Selbstbestimmung traditionell einen hohen Stellenwert besitzen.
Die Digitalisierung historischer Quellen ist deshalb generell nicht nur ein archivtechnischer Fortschritt, sondern wirft auch neue Fragen nach Kontext, Verantwortung, Datenschutz und digitaler Souveränität auf. Die NSDAP-Mitgliederkartei ist keine neutrale Suchmaschine für moralische Urteile über vergangene Generationen. Sie ist ein fragmentarischer Quellenbestand, dessen sinnvolle Nutzung historische Methodenkenntnis, Kontextualisierung und kritische Reflexion voraussetzt.
Literatur
Buddrus 2003: Michael Buddrus: War es möglich, ohne eigenes Zutun Mitglied der NSDAP zu werden?“. Gutachten des Instituts für Zeitgeschichte München Berlin für das Internationale Germanistenlexikon 1800 – 1950, in: Geschichte der Germanistik: Mitteilungen, 23/24 (2003), S. 21-26.
Halle 2013: Uta Halle, Frauen in der Ur- und Frühgeschichte zwischen 1933 und 1945 – zwei Karrieren, in: Jana E. Fries/Doris Gutsmiedl-Schümann (Hrsg.): Ausgräberinnen, Forscherinnen, Pionierinnen: Ausgewählte Porträts früher Archäologinnen im Kontext ihrer Zeit, Münster 2013, S. 169–216.
Herbert 2004: Ulrich Herbert: Wer waren die Nationalsozialisten? Typologien des politischen Verhaltens im NS-Staat, in: Gerhard Hirschfeld/Tobias Jersak (Hg.): Karrieren im Nationalsozialismus. Funktionseliten zwischen Mitwirkung und Distanz, Frankfurt am Main/New York 2004, S. 17-42.
Krüger 1997: Dieter Krüger: Archiv im Spannungsfeld von Politik, Wissenschaft und öffentlicher Meinung. Geschichte und Überlieferungsprofil des ehemaligen “Berlin Document Center”. In: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte Heft (1997), H. 1, S. 49-74.
Piezonka 2009: Henny Piezonka: Liebetraut Rothert, in: Hiram Kümper (Hrsg.): Historikerinnen. Eine biobibliographische Spurensuche im deutschen Sprachraum, Kassel 2009, S. 183–187.
Steuwer/Leßau 2014: Janosch Steuwer/Hanne Leßau, Wer ist ein Nazi? Woran erkennt man ihn? Zur Unterscheidung von Nationalsozialisten und anderen Deutschen, in: Mittelweg 36, (2014), H.1, S. 30-51.
Weigel 2009: Björn Weigel: „Märzgefallene“ und Aufnahmestopp im Frühjahr 1933. Eine Studie über den Opportunismus, in: Wolfgang Benz (Hg.), Wie wurde man Parteigenosse? Die NSDAP und ihre Mitglieder, Frankfurt am Main 2009, S. 91-109.
Diesen Beitrag zitieren: Elsbeth Bösl: Die National Archives haben Digitalisate der NSDAP-Mitgliederkartei frei zugänglich online gestellt – was bedeutet das für die historisch-biografische Forschung? in: AktArcha - Akteurinnen archäologischer Forschung und ihre Geschichte(n), 28.05.2026, URL: https://aktarcha.hypotheses.org/12157
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Elsbeth Bösl (28. Mai 2026). Die National Archives haben Digitalisate der NSDAP-Mitgliederkartei frei zugänglich online gestellt – was bedeutet das für die historisch-biografische Forschung? AktArcha. Abgerufen am 16. Oktober 2026 von https://doi.org/10.58079/16ad5

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